Homo cōnsūmens - „Die Flucht vor dem Nichts“
Vorausgesetzt, Sprache ist eine Kompensation.
Beim Menschen besonders komplex und kreativ, da ihm nur wenige – oder minderwertige – physische Mittel zur Verfügung stehen, um sich durchzusetzen.
So entstand Sprache als Werkzeug. Und mit ihr das Kollektiv: der Zusammenschluss von Gruppen, getragen von gemeinsamen Bedeutungen, Erzählungen und Symbolen.
Worauf ich hinaus möchte:
In einer Umgebung, in der die Natur weitgehend besiegt oder unterdrückt wurde – in der also keine akute Bedrohung mehr besteht, kein Erfrieren, kein Verhungern –, entsteht eine eigentümliche Leere. Eine Langeweile des Nervensystems.
Doch anstatt diese Leere auszuhalten, reagieren wir anders.
Da wir unseren empfundenen Mangel nicht nur bewahrt, sondern über Evolution und Kultur hinweg sogar kultiviert haben – indem wir uns immer tiefer in Narrative verstrickten –, projizieren wir nun fortwährend imaginierte „Naturphänomene“ nach außen. Bedrohungen, Dramen, Konflikte. Nicht, weil sie real sind, sondern weil wir das Nichts nicht ertragen.
Wir bevorzugen leidvolle Gedanken gegenüber innerer Stille.
Wir erzwingen Reize, um uns selbst zu spüren.
So entsteht ein Kreislauf, der sich seit Jahrhunderten verstärkt und kaum noch zu durchbrechen scheint.
Eine Matrix des Geistes – erschaffen, um das Neutrale nicht erfahren zu müssen.
Darum klammern wir uns an Gedanken.
Darum identifizieren wir uns mit ihnen.
Der Spuk hat überhandgenommen.
Gedanken sind das letzte Konsumgut, auf das wir jederzeit Zugriff haben –
und das wir zugleich am wenigsten verstehen.
Jonas Kainz, 02.01.2026